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Nach Schätzung von Forschungsinstituten wird rund 40 Prozent des deutschen Sozialprodukts abgabenfrei erwirtschaftet. Darunter fällt Schwarzarbeit, Eigenarbeit, Familien-Mithilfe, Nachbarschaftshilfe und unbezahlte Freiwilligenarbeit.

Dieses Sozialprodukt ist freilich nicht identisch mit dem der offiziellen Statistik: es ist höher, weil die Statistik die abgabenfreie Wertschöpfung nicht oder nur unvollkommen erfasst.

Für die Kämmerer und Finanzminister ist die abgabenfreie Wertschöpfung ein Leidwesen, das sie teils tolerieren müssen (Eigenarbeit), teils wütend bekämpfen (Schwarzarbeit). Für die Wirtschaft als ganzes ist die abgabenfreie Tätigkeit hingegen ein Bonus.

Die Schattenwirtschaft ist dynamisch, da gekennzeichnet durch erfolgreiches Klein-Unternehmertum und das Fehlen lähmender Bürokratie. Während die Arbeitsproduktivität in der Regel niedrig ist — und im Extremfall an Selbstausbeutung grenzt (Hobbies, freiwillige Sozialarbeit) — ist die Kapitalproduktivität hoch, befeuert durch Ideenreichtum, harten Einsatz und Flexibilität.

In Zeiten wirtschaftlicher Stagnation und hoher Arbeitslosigkeit wächst die Schattenwirtschaft und sichert der Bevölkerung ein Minimum an Lebensstandard. In der Weltkriegs- und Nachkriegszeit waren es die Schwarzhändler, die unzählige Deutsche vor dem Hungertod retteten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gingen Millionen auf die Strasse und begannen einen Pflasterhandel, der zu einem der grössten und vitalsten Wirtschaftssektoren der Nachfolgestaaten wurde.

In Italien entwickelten sich im Zeichen eines Mehrwertsteuer-Niveaus von 20 Prozent die Flohmärkte zu open-air Kaufhäusern. An der Porta Portese, dem Römer Sonntagsmarkt — der als grösster Flohmarkt des Mittelmeer-Raums gilt — kann man von neuer Kleidung über Bettwäsche zu Nahrungsmitteln, Pflanzen und technischen Artikeln einen Grossteil des Verbrauchsbedarfs kaufen — ohne Rechnung und Quittung.

Früher, als es noch keine Baumärkte gab, waren Eigenleistung und Schwarzarbeit schwierig, wenn nicht unmöglich. Nur Handwerker hatten Zugang zu bautechnischen Artikeln, die sie beim Spezialisten und Grossisten kaufen mussten. Heute ist jeder Baumarkt ein Tempel der abgabenfreien Wirtschaft. Eigenleistung und Schwarzarbeit blühen. Dem Unkundigen vermitteln leise sprechende Monitore an den Regalen technische Tipps; was an Kenntnis noch fehlt, vermittelt das Internet.

Aus dem Internet und von der Informatik kommen zahllose Impulse für die Schattenwirtschaft. Software vom Regal ersetzt den Buchhalter, den Steuerberater, den Rechtsanwalt, den Drucker. Rezepte aus dem Internet beflügeln die Kochkunst; Online-Suchdienste ersetzen Bücher und Buchhändler, Reisebüros und Apotheken. Computer haben bereits Millionen von Büroangestellten ersetzt, und die Substitution schreitet fort.

Je kürzer die wöchentliche und jährliche Arbeitszeit und je höher die Arbeitslosigkeit, desto mehr Musse steht für kreative Schattenwirtschaft zur Verfugung. Mitunter mag die Schattentätigkeit so lukrativ und befriedigend sein, dass sich der Ausführende aus der offiziellen Wirtschaft ausklinkt, um seiner abgabenfreien Schattentätigkeit vollzeitlich nachzugehen. Der Handwerker, der seine erfolglose Firma schliesst und forthin schwarz arbeitet, ist nur ein Beispiel.

Daraus ergibt sich gelegentlich das Paradox, dass eine Arbeitszeitverkürzung in der offiziellen Wirtschaft so viele Menschen zur Aufnahme abgabenfreier Nebentätigkeit — und damit zur Verlängerung der gesamten Arbeitszeit — ermuntert, dass das gesamte Sozialprodukt, anstatt zu sinken, einen Sprung nach oben macht.

Wer in einem Lande die Mehrwertsteuer erhöhen will, sollte vorsichtig kalkulieren. Es könnte nämlich sein, dass die Erhöhung zu einem Wachstum der Schattenwirtschaft auf Kosten des offiziellen Sektors — und damit zu einem unbefriedigenden Anstieg oder gar zu einem Rückgang des Steueraufkommens führt. Wer einen Staat über die Mehrwertsteuer sanieren will, gerät möglicherweise in noch tiefere Verschuldung.

Versuche, die offizielle Wirtschaft durch Lockerung der Sozialgesetzgebung anzuregen, sind in der Regel zwar erfolgreich, doch oft in überraschender Weise. Die Einführung einer Frist bevor nach einer Neueinstellung der Kündigungsschutz einsetzt, hatte in ähnlichen Situationen in Nachbarländern die Folge, dass kurz vor Ablauf der Frist die Arbeitskräfte gekündigt wurden. Nach einer Schampause von einigen Monaten wurden sie dann wieder eingestellt, erneut für kurze Frist.

Indem der Arbeitgeber beispielsweise zwei komplette Mannschaften auf diese Weise rotiert, können die Arbeitnehmer ein ganzes Arbeitsleben im periodischen Wechsel von Arbeit und Arbeitslosigkeit verbringen.

Ähnlich funktioniert das Prinzip, sofortigen Kündigungsschutz erst ab einer bestimmten Betriebsgrösse einzuführen. Unternehmen reagieren gerne darauf, indem sie immer nur so viele Festbeschäftigte haben, dass sie unter der Grenze bleiben. Alle anderen Arbeitskräfte — und die können bis zu 90 Prozent der Gesamtbeschäftigung darstellen — werden mit Kurzzeitverträgen, Scheinselbständigkeit und Schwarzarbeit abgespeist.

Solche Regelungen führen dazu, dass wenige Glückliche einen offiziellen Job haben, während eine Vielzahl von Leuten, die im Prinzip die gleiche Tätigkeit verrichten, ein ganzes Leben bei geringer Bezahlung im halbformellen Sektor verbringen und vielleicht nie eine feste, dauerhafte Beschäftigung erreichen. Die endlose Folge von kurzfristigen McJobs, mit denen sie ihren Lebensunterhalt bestreiten, bedeutet keineswegs eine mindere Qualifikation, wie Sozialpolitiker gerne behaupten. Oft verlangen diese Jobs ausgezeichnete Fachkenntnisse oder akademische Qualifikation.

In Sektoren, die als besonders aussichtsreich gelten oder gerade in Mode sind, kann der Unternehmer sogar qualifizierte Arbeitskräfte zum Nulltarif finden. Praktikanten sind die kostenlose Allzweckwaffe, eine Armee von Zombies. Ein Drittel von ihnen erhält zum Beispiel in Italien gar keinen Lohn, sondern nur Mittagsessen-Koupons. Der Rest frettet sich mit Taschengeld durch.

In Deutschland gelten Praktikanten als oft bis zur Selbstausbeutung fleissig. Man hält sie mit Versprechungen hin bis sie ausgebrannt sind, und dann werden sie durch neue Kandidaten ersetzt. Je seltener offizielle, voll bezahlte Arbeitsplätze werden, desto bereiter sind junge Menschen — und die sie finanzierenden Familien — sich ausbeuten zu lassen.

Neben den ausgebeuteten Hochqualifizierten gibt es natürlich auch die Opfer der Globalisierung unter den Minderqualifizierten. Wobei Jahr um Jahr neue Berufsprofile, die vordem als sicher galten, in die Minderqualifikation abrutschen. Wer in einem Land mit ohnehin stagnierender Wirtschaft an der Steuerschraube dreht, riskiert eine Beschleunigung der negativen Globalisierungseffekte. Unternehmen verlagern Produktion und Verwaltung in Niedrigsteuer- und Niedrigkostenländer oder wandern ganz ab.

Das alles ist nicht schrecklich neu. Schon im antiken Rom führte die Globalisierung zu enormer Arbeitslosigkeit. Die Kolonien versorgten Rom mit Produkten, die billiger und meist besser waren als die lokale Erzeugung, die sie zunehmend ersetzten. Um die arbeitslosen Massen am Leben und bei Laune zu erhalten, musste der Staat massive Transfers vornehmen, die ihn und damit das Reich auf die Dauer ruinierten.

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—— Benedikt Brenner